Schulische Begabungs- und Begabtenförderung

Die schulische Begabtenförderung ist im Schulgesetz des Freistaates Sachsen verankert (§§1, 7 und 35a SchulG). Schulisches Lernen findet nach wie vor hauptsächlich in jahrgangsweise zusammengesetzten Klassen statt. Der von der Lehrperson zu leistende Spagat zwischen diesem festgelegten Setting mit zentralen Zielen und Vorgaben und der zunehmenden Heterogenität der individuellen Potenziale wird immer größer (vgl. u. a. Boller & Lau, 2010; Klippert, 2010; Kunze & Solzbacher, 2008).
Dennoch kann der Anspruch, herausfordernde Lernprozesse für alle, also auch für die besonders begabten Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen, nicht nur für außerunterrichtliche Angebote mit weniger normierten Vorgaben gelten. Die Praxis zeigt, dass trotz teilweise schwieriger schulischer Rahmenbedingungen der Anspruch begabungsförderlichen Lernens im Unterrichtsalltag einlösbar ist. Hierzu stehen vielfältige Fördermöglichkeiten zur Verfügung, die die Förderung in Regelklassen, in Lerngruppen und die Förderung Einzelner umfassen. Nur das sinnvolle Zusammenspiel aller Fördersettings kann den vermeintlichen Widerspruch zwischen der Förderung einzelner besonders Begabter und einer breiten Förderung der Begabungen aller gut auflösen.
Anregungen zur Förderung begabter Kinder im Grundschulbereich finden Sie in der NETZWERKGRUPPE "BEGABTENFÖRDERUNG GS" in der Schulcloud Lernsax.

 

Begabungsförderlicher Unterricht in Regelklassen

Lernen sollte nach Weinert (2000) stets eine subjektive Herausforderung für die Lernenden darstellen. Begabungs- und begabtenförderlicher Unterricht sollte hier ansetzen und möglichst herausfordernde Lernprozesse für jede Schülerin und jeden Schüler anregen. Die Konzepte und Formen begabungsförderlichen Lernens sind vielfältig  (vgl. u. a. Bönsch, 2012; Buholzer & Kummer, 2010; Müller-Oppliger, 2013). Sie basieren oft auf didaktischen Konzepten und Methoden, die generell „guten Unterricht“ kennzeichnen (vgl. u. a. Helmke 2012; Weinert 2000).

Unabhängig von der Jahrgangsstufe oder dem jeweiligen Fach bieten insbesondere die Formen des offenen bzw. handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts einen geeigneten Rahmen für individualisierte, selbstgesteuerte Lernprozesse, welche die Schülerinnen und Schüler zu konstruktiver Wissensaneignung und kreativem Denken anregen. In welchem Maße dabei auch Begabungen gezielt (heraus)gefordert und gefördert werden, wird oft durch eine differenzierte Reflexion des Unterrichts sichtbar.

Fragen zur Einschätzung des begabungsförderlichen Unterrichtspotenzials sind u. a.

  • Wie nutzen die Lernenden das Lernmaterial? (i. S. aktiver und konstruktiver Informationsverarbeitung)
  • Kennen die Lernenden die Ziele und Wege zur Zielerreichung? (i. S. zielgerichteten Lernens)
  • Inwieweit erfolgt durch das Lehrkonzept eine Verknüpfung mit Vorwissen? (i. S. des Einbezugs von Vorwissen)
  • In welchem Umfang übernehmen die Lernenden Lehrfunktionen selbst? (i. S. selbstgesteuerten Lernens)
  • In welchem Umfang findet Zusammenarbeit statt? (i. S. kooperativen Lernens)

Hier finden Sie einen Leitfaden zur Einschätzung des begabungsförderlichen Unterrichtspotenzials (aus der Handreichung "Jeder zählt - Begabungs- und Begabtenförderung in Sachsen"; Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2016).

Wie Sie möglicherweise durch die Reflexion Ihres eigenen Unterrichts festgestellt haben, können begabungsförderliche Lernprozesse auch mit bekannten Unterrichtskonzepten bewusst initiiert und gesteuert werden.

Ein Unterrichtsbeispiel zur offenen und kreativen Aufgabenstellung im Deutschunterricht (Jahrgangsstufe 11) finden Sie im Kapitel Endlich habe ich Kafka verstanden! aus der Handreichung "Jeder zählt - Begabungs- und Begabtenförderung in Sachsen" (Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2016).

 

Begabungsförderung in Lerngruppen

Die besondere Förderung einer Gruppe zeigt sich im Unterschied zur Klassenförderung darin, dass der bestehende Verband einer Klasse aufgelöst wird, sich also neue homogenere Gruppen bilden, in denen die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer Neigungen und Interessen und/oder ihres ähnlichen schulischen Entwicklungsniveaus arbeiten und lernen können. Das gemeinsame Agieren mit anderen ausgewählten Schülerinnen und Schülern stärkt die individuellen Fähigkeiten und das Selbstwertgefühl. Mit Gleichgesinnten treten die Schülerinnen und Schüler in einen nachhaltigen fachlichen Austausch. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe fördert die Sozialkompetenz.

Fähigkeitsgruppierungen sind sowohl in Form innerer als auch äußerer Differenzierung möglich.

 

Innere Differenzierung

Im Klassen- oder Klassenstufenverband verbleibend, werden unterschiedliche Inhalte und Themen angeboten, die von allen Schülerinnen und Schülern der Klasse in Gruppen, in die sie sich selbst wählen, bearbeitet werden. Anliegen der Arbeit im Klassenverband ist oft die Vermittlung von konkreten Methoden, die von allen Lernenden beherrscht werden müssen und entsprechend einer Bewertung unterliegen können. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, kreativ und produktiv an selbstgewählten Fragestellungen diese Methode zu erlernen. Die Gruppen agieren im eigenen Lerntempo und auf verschiedenen Anspruchsniveaus. Eine große Variabilität ist außerdem bezüglich der Intensität der Lernbegleitung, des Lernweges und der Präsentation der Ergebnisse erreichbar.

 

Äußere Differenzierung

Fähigkeitsgruppierungen in Form von äußerer Differenzierung können als Angebot an eine Gruppe besonders begabter Schülerinnen und Schüler erfolgen. Diese werden in speziellen Kursen oder in Projekten, die als Pull-Out-Programme (z. B. Lerncamps) gedacht sind, gestaltet. Dementsprechend variiert der Aktionsraum „Schule“; eine Öffnung zu außerschulischen Lernorten mit all seinen Potenzialen  wird möglich. Die zeitliche Bindung an den Stundenplan ist nicht mehr nötig. Es besteht die Möglichkeit, sich länger als im Unterrichtsstundentakt mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Ungeachtet der beiden beschriebenen Varianten steht die Entwicklung von Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt. Wie auch bei der Einzelförderung bzw. der Förderung im Klassenverband gilt es, die Selbstkompetenzen der Lernenden zu stärken, also die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und ein gutes Zeitmanagement zu entwickeln. Die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten kann somit insgesamt die Ausprägung eines hohen schulischen Selbstkonzeptes bewirken. Kompetenzüberzeugungen wiederum führen im Idealfall dazu, dass die Lernenden sich auch im Regelunterricht mehr zutrauen, motivierter und interessierter sind, bessere Lernstrategien ausprobieren und so mehr Lernerfolg haben (vgl. Vock, Preckel & Holling, 2007).

 

Als Beispiel für Begabungsförderung in Lerngruppen lesen Sie das Kapitel Unterricht in Begabungsgruppen der Jahrgangsstufe 5 und 6 aus der Handreichung "Jeder zählt - Begabungs- und Begabtenförderung in Sachsen" (Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2016).

 

Begabungsförderung einzelner Lernender

Um besonders begabte Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, kommt es darauf an, eine sehr offene Lernumgebung zu schaffen und komplexe Aufgabenstellungen in einer begabungsförderlichen Lernarchitektur zu schaffen. Lehrkräfte übernehmen in diesem Förderansatz die Rolle der Lernbegleiterin bzw. des Lernbegleiters. Entsprechend stellen Mentoring und Coaching zentrale Ansätze der Einzelförderung dar. Dabei geht es nicht ausschießlich um eine rein kognitive, intellktuelle Förderung bzw. Forderung bei der Wissensaneignung, sondern um eine Begleitung des Lernenden auch im Bereich der begabungsstützenden Persönlichkeitsmerkmale, wie Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen oder Lern- und Arbeitsstrategien.

Sämtliche Akzelerationsmaßnahmen wie vorzeitige Einschulung, Drehtürmodelle, Überspringen einer Klassenstufe oder Frühstudium gehören zu den Möglichkeiten der individuellen Förderung. Weitere Möglichkeiten der Einzelförderung sind das Expertenthema und die Begleitung einer Besonderen Lernleistung (BeLL).

Mentoring und Coaching erfordern ein sehr hohes Ausmaß an Absprachen und Koordination auf mündlicher und/oder schriftlicher Basis mit den einzelnen Prozesspartner/innen (z. B. Runder Tisch). Zur Prozessbegleitung gehören regelmäßige Verabredungen von Zielen und Lösungswegen sowie deren kontinuierlicher Abgleich und Anpassung. Gespräche zwischen den Beteiligten sind von zentraler Bedeutung und werden durch Maßnahmen wie Lernverträge, Lerntagebücher oder Kompetenzraster flankiert.

Das Kapitel Lernvertrag als Instrument individueller Förderung gibt weitere Informationen zum Thema sowie ein Beispiel für die Gestatung eines Lernvertrages (aus der Handreichung "Jeder zählt - Begabungs- und Begabtenförderung in Sachsen"; Herausgeber: Sächsisches Staatsministerium für Kultus, 2016).

 

NetzWerkGruppe "Begabtenförderung-GS"

Zahlreiche Anregungen zur Förderung begabter Kinder im Grundschulbereich wurden in der Netzwerkgruppe "Begabtenförderung GS" in der Schulcloud Lernsax zusammengetragen.
 
Was erwartet Sie dort?
  • Eine Fundgrube vielfältiger Anwendungsbeispiele für Ihren Unterricht: Sie finden Informationen zu den verschiedenen Förderformen und praktisches Material aus den Bereichen Enrichment, Grouping und Akzeleration zum Download.
  • Verschiedene Werkzeuge wie Forum, Pinnwand, Chat oder Videokonferenz bieten Ihnen die Möglichkeit zum Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie den Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle.
Interessiert?
Schreiben Sie uns eine kurze E-Mail mit dem Betreff "Netzwerkgruppe Begabtenförderung GS" an gs-bzb@lasub.smk.sachsen.de, um die Zugangsdaten zur Netzwerkgruppe zu erhalten. Bitte teilen Sie uns dabei auch mit, an welcher Schule bzw. Institution Sie tätig sind, damit wir die entsprechenden Zugangsrechte anpassen können.
 

 

Literatur:

  • Boller, S. & Lau, R. (2010) (Hrsg.). Innere Differenzierung in der Sekundarstufe II. Ein Praxishandbuch für Lehrer/innen. Weinheim: Beltz.
  • Bönsch, M. Heterogenität und Differenzierung (2012). Gemeinsames und differenziertes Lernen in heterogenen Lerngruppen. Hohengehren: Schneider.
  • Buholzer, A. & Kummer Wyss, A. (2010). Alle gleich – alle unterschiedlich! Zum Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht. Zug: Klett und Balmer.
  • Helmke, A. (2012). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Klett Kallmeyer .
  • Klippert, H. (2010). Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Weinheim: Beltz.
  • Kunze, I. & Solzbacher, C. (2008) (Hrsg.). Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II. Hohengehren: Schneider.
  • Müller-Oppliger, V. (2014). Selbstlernarchitekturen zu selbstgesteuerter Begabungsförderung. In: Gabriele Weigand et al. (Hrsg.) Personorientierte Begabungsförderung. Eine Einführung in Theorie und Praxis (S. 115-128). Weinheim: Beltz.
  • Vock, M., Preckel, F. & Holling, H. (2007). Förderung Hochbegabter in der Schule: Evaluationsbefunde und Wirksamkeit von Maßnahmen. Göttingen: Hogrefe.
  • Weinert, F. E. (2000). Lernen als Brücke zwischen hoher Begabung und exzellenter Leistung. Vortrag anlässlich der zweiten internationalen Salzburger Konferenz zu Begabungsfragen und Begabungsförderung. Salzburg: 3. Oktober 2000.

 

Zum Seitenanfang